Do

22

Okt

2015

(M)ein Abend mit Josef

Ist etwas schon Tradition, wenn man es zweimal macht?


Tradition – was ist das überhaupt? Ich wäre ja da generell vorsichtig, gerade in der heutigen Zeit, wo sich so viele Falschgepolte auf Traditionen besinnen! Traditionen, von denen sie bislang noch gar nichts wusste, weil sie sie ja auch nicht leben, aber munter aus der Tasche kramen, wenn es ihnen in den Kram passt!


Auf der anderen Seite wäre da der Fortschritt – oft verbunden mit dem Begriff Wachstum. Wachstum wird ja oft als Allheilmittel bemüht, ist dessen Nutzen und sogar dessen Negativfolgen schon längst widerlegt und belegt.


Tradition schien mir als guter Einstieg, schreibe ich doch nun schon zum zweiten Mal über meinen Abend mit einer von mir geschätzten Person.


Tradition erschien mir auch deshalb als geeignet, weil der Abend den ich mit Josef Bierbichler verbrachte im Zeichen seines Buches Mittelreich stand. An unserem gemeinsamen Abend las er aus seinem Buch. Ein Buch welches sich auch mit Tradition auseinandersetzt. Erzählt wird von drei Generationen in einem kleinen bayerischen Dorf – 100 Jahre Deutschland. Und das ist gerade heute wieder so aktuell, dass es eine Freude ist, dieses Buch zu lesen, vor allem wenn man dieses Stammtischgeschmatze nur all zu gut kennt! Bissig und auf den Punkt gebracht schildert Bierbichler Themen die hochaktueller nicht sein könnten!


Das soll jetzt keine Buchkritik werden, ich denke dafür bin ich auch eher ungeeignet, nein, es wird eine kurze Geschichte von meinem Abend als ich Josef traf:


In der rechten Hand halte ich meine Trophäe. Ein unscheinbares Taschenbuch. Der Schatz befindet sich hinter dem Buchdeckel. Ein schwungvolle Unterschrift von Josef. Ich sehe sie nicht, aber ich weiß, dass sie da ist. Die Tinte ist noch feucht, der Schwung gerade erst gesetzt und in meinen Ohren klingt noch das verschmitzte „Hallooo“ von Josef, dessen Lausbubengesicht mit den vielen Falten mich verwundert anblickte als ich vor ihm Stand, um mir meine Trophäe zu holen.


Ich hab´ das mal überschlagen, und ich denke ich bin die Drittjüngste an diesem Abend. Das hat auch den Josef verwundert, als er aufblickte und mich anblickte, sind doch bei dieser Lesung eher die gesetzteren Semester gekommen. Die Kulturelite der Stadt Landshut. Die, die das Geld und die Zeit haben, für solch einen Abend.


Vielleicht bin auch auch nicht die Drittjüngste, immerhin bin ich auch schon 32, aber das vergesse ich eigentlich fast immer, vor allem wenn ich an der Clubtür wieder nach dem Ausweis gefragt werde. Sicher weiß ich, dass ich jünger bin als der Josef, sein Alter sieht man ihm schon an, als er zu Beginn der Lesung auf die Bühne schlawinert. Doch wohnt diesem Mann eine unglaubliche Jugendhaftigkeit inne, und zugleich so viel Lebenserfahrung.


Ich hab´ einmal zu meinem Freund gesagt: „So jemanden wie den Josef hätte ich gerne als Vater ...“ Ich bin ohne Vater aufgewachsen und das Bisschen was ich von ihm kennenlernte war nicht schön. Vielleicht wollte ich auch deshalb so gerne zu dieser Lesung – Familienzusammenführung sozusagen …


Der Josef schlawinert also auf die kleine Bühne, in der Mitte stehen ein quadratischer Holztisch, ein unscheinbarer Stuhl und ein Mikrofon daneben. Auf dem Tisch eine Flasche Wasser, eine Flasche Rotwein und dazugehörig ein Wasser- und ein Rotweinglas.

Alles darum ist schwarz, ein kleiner quadratischer Tisch, der in ein schwarzes Loch fällt, denke ich. Und so bemerke ich fast gar nicht, das Josef links neben der Bühne aus dem Schwarz heraustritt, getarnt in Schwarz hat er sich seiner Umgebung angepasst. Schwarze Schuhe, schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Das graue Haar wild verwurschtelt auf dem Kopf. Eigentlich sieht er aus, als wäre er gerade aufgestanden, dabei in ein schwarzes Loch gefallen und hier wieder ausgespuckt worden. Er kommt so unscheinbar aus dem Nichts, das es viele erst gar nicht bemerken.


Als er sich setzt wird es still. Bestimmt zwei Minuten. Alle starren erwartungsvoll zu dem Mann an dem quadratischen Tisch, der sich gerade einen großen Schluck Rotwein einschenkt und einen kleinen Schluck Wasser. Er trinkt den Wein, nimmt das Buch in die Hand, schlägt es auf und beginnt zu lesen. Er liest aus seinem Buch, und alle hören gespannt hin.


Zu spüren ist, dass alle verwundert sind, dass er einfach so anfängt, ohne Einführung, er liest aus dem schwarzen Nichts. Keiner sagt etwas, man spürt es.


40 Minuten liest er eine Passage, und mir reicht der pure Anblick von Josef. Soll man als Autor nicht immer so ehrlich wie möglich sein? Die Leser durchschauen einen doch sowieso, Worte sind kein geeignetes Mittel, um eine Fassade zu errichten. Sie tarnen einen nur eine zeitlang. Naja, um ehrlich zu sein, bin ich an diesem Abend vor allem gekommen, um Josef zu sehen. Diesen unglaublichen Mann, dessen Schauspiel mich schon immer fasziniert hat. Das Buch lese ich auch, aber ich wollte ihn einfach sehen.


Und nun sitzt er vor mir, nicht mehr als fünf bis zehn Meter trennen uns. Zu viel. Auch ein Grund ihm später näherzukommen und meine Trophäe zu holen. Eine von der er meint: „Also ich signier´ Euch schon die Bücher, aber des macht´s ja auch nicht besser ...“ Schon komisch, so eine kleine Unterschrift macht ja wirklich nichts besser oder anders oder größer oder bedeutungsvoller – und doch eifern wir ihr nach.


Am Ende des ersten Teils verschwindet er genauso unscheinbar im Schwarz wie er zuvor erschienen ist. Ein Magier, der mir ein Glücksgefühl herbeizaubert - Die Pause lässt meine Gedanken schweifen - Dieses Gefühl kenne ich sonst nur, wenn ich Filme sehe. Man könnte sagen: Meine Droge sind Filme. Ich brauch sie, nur sie versetzen mir den berauschenden Kick. Ich kenne nichts, bei dem ich ein ähnliches Gefühl bekomme. Sollte ich darüber mal mit einem Psychologen reden? Ich denke eher nicht, weiß ich doch woher das kommt. Als Kind war ich viel allein und diese Filme ließen mich in eine andere Welt eintauchen, machten mich fröhlich, glücklich und irgendwie alles leichter. Solange sie liefen … es gibt Filme die ich sicherlich an die 100-mal gesehen habe. Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, startete ich den immer gleich Film, unglaubliches Glück wenn er anfing, ging er zu Ende kam die Realität, also startete ich ihn wieder von vorne, immer so weiter, bis meine Mama aus der Arbeit kam. Welcher Film das war? Ein kleines Geheimnis sollte man sich doch bewahren …


… Welches Geheimnis wohl der Josef hat, frag ich mich beim Blick in sein faltiges Gesicht, als der zweite Teil des Abends ebenso beginnt wie der erste. Vier weitere Auszüge aus dem Buch neigt sich die Lesung dem Ende. Das Wasser hat er nicht angerührt, der Rotwein ist zu drei Vierteln leer. Kein Grund das restliche Viertel nicht auch noch zu trinken. Er nimmt die Flasche und verschwindet abermals im Schwarz, um einen Stock tiefer wieder zu erscheinen. Dort stehe ich in einer Schlange mit einigen älteren Frauen, als ich plötzlich an erster Stelle bin und mir ein Hallo über die Lippen wimmert und von einem schwungvollen, überraschten „Hallooo“ erwidert wird. „Für Nicky“. Ein lausbübisches Grinsen später: „Mit I oder Y?“. „Y“ - „Dankeschön!“. „Aber gerne doch ...“.


In der rechten Hand meine Trophäe, mit dem Schatz hinter dem Buchdeckel. Raus ins Schwarz - Servus Josef!

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Do

22

Okt

2015

Besser du weißt von nichts

Max Müller ist 24, studiert Fotodesign in München und lebt mit zwei Freunden in einer WG. Schon seit Längerem beobachtet er von seinem Küchenfenster aus drei immer in schwarz gekleidete Männer, die jede Nacht pünktlich um 00:00 Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus einer Garage kommen. Um 00:05 Uhr fährt tagtäglich ein schwarzer Wagen vor, immer das gleiche Modell, mit verdunkelten Scheiben. Ein vierter Mann, schwer bewaffnet mit einer Kalaschnikow, steigt aus dem Wagen und geht ohne ein Wort zu verlieren bewacht von den drei schwarzen Männern durch eine Tür rechts neben dem Garagentor. Es kommt nie einer von ihnen wieder heraus. Punkt Mitternacht wartet Max an seinem Küchenfenster auf die Männer und den Wagen, immer mit seiner Fotokamera in der Hand, auf der er das Treiben festhält. Nach ein paar Tagen reicht ihm das nicht mehr und er wagt sich an das Geschehen heran. Vorsichtig nähert er sich der Garage, nachdem die Männer darin verschwunden sind. Als er näher herankommt entdeckt er einen kleinen Spalt zwischen Garagentor und der Tür rechts daneben. Er wagt einen Blick hindurch. Was er sieht gibt ihm nur noch mehr Rätsel auf: Die vier Männer sitzen an einem runden Tisch, sehen sich nicht an, sprechen nicht miteinander. Der Mann aus dem Wagen hält immer noch seine Waffe in der Hand. Auf Anschlag, allzeit bereit. Ein Weile verfolgt Max die Szene und schießt einige Fotos. Nichts weiter geschieht. Als der Mann mit der Kalaschnikow plötzlich aufspringt und Richtung Tür geht, rennt Max verängstigt davon. Zittrig kommt er wieder in seiner Wohnung an, schleicht zum Küchenfenster und starrt auf die Garage. Doch nichts rührt sich. Er schläft erschöpft ein. Am nächsten Morgen wird er durch seinen erstaunten Mitbewohner geweckt, welcher ihn am Küchenboden liegend findet. Max sammelt sich und versucht seinem Freund zu erklären was los ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, und als er zu dem Punkt kommt, an dem Max ihm die Beweisfotos zeigen möchte, stellt er entsetzt fest, dass seine Kamera verschwunden ist. Er durchsucht sämtliche Ecken der Wohnung. Schließlich wagt er sich nochmal zur Garage, weil er vermutet die Kamera einfach dort in der Eile vergessen zu haben. Bei Tag wirkt der Ort wie jeder andere. Natürlich ist dort keine Kamera mehr. Allerdings entdeckt er im Tageslicht ein kleines Schild an der Tür rechts neben der Garage. Dort steht: „Max Müller“. Max erschrickt und kommt dann zu der Erkenntnis, dass Max Müller ja nicht unbedingt ein seltener Name ist. Noch bevor er sich weitere Gedanken darüber machen kann, stellt er fest, dass er schon ziemlich spät dran ist. Um 10 Uhr hat er Vorlesung: „Fotografie & Wirklichkeit“. Max kommt etwas verspätet im Kurs an. Richtig konzentrieren kann er sich nicht, eigentlich kritzelt er nur Skizzen der Männer in Schwarz in seinen Block. Gelangweilt hört er im Hintergrund die Worte seines Professors. Der hält gerade einen Monolog über Illusion und Wirklichkeit in der Fotografie. Als sein Lehrer erzählt, dass bei jeder Handlung des Individuums dessen Erfahrung eine enorme Rolle spielt, schaltet Max vollkommen ab. Er kommt erst wieder zu sich, als Herr Marell längst über die Manipulierbarkeit von Fotos spricht und dabei Kriegsbilder zeigt. Nach der Vorlesung geht Max nach Hause, auf dem Weg kommt ihm einer der schwarzen Männer entgegen, dieser hält Maxs Kamera. Noch bevor Max reagieren kann, drückt ihm der Mann diese in die Hand, mit den Worten: „Danke Herr Müller, die Fotos haben uns sehr weitergeholfen!“ Max schnappt sich die Kamera und eilt davon. Zu Hause angekommen lädt er sofort die Fotos auf seinen Rechner. Als er sie öffnet stellt er zu seinem Entsetzen fest, dass auf jedem einzelnen Foto nur er selbst zu sehen ist, wie er mit seiner Kamera in der Hand an seinem Küchenfenster kauert. Erschrocken klappt er den Laptop zu. Langsam beginnt er an sich selbst zu zweifeln, an seinem Verstand. Um sich abzulenken beschließt er seinen Mitbewohner in der Arbeit zu besuchen. Auf dem Weg kommt ihm wieder einer der Männer entgegen. Max schreit ihn an, diese Spielchen sein zu lassen. Doch der Mann reagiert nur völlig erschrocken und gibt vor keine Ahnung zu haben, wovon Max da spricht. Als der Mann ihm damit droht, die Polizei zu rufen, rennt Max davon. Bei seinem Mitbewohner angekommen muss dieser ihn erst einmal beruhigen. Max versucht die neuen Ereignisse zu schildern, doch sein Freund weiß gar nicht über was er da spricht.


Benommen taumelt Max nach Hause und fällt erschöpft in sein Bett. Als er am nächsten Morgen erwacht, will er sich als Erstes noch einmal seine geschossenen Fotos ansehen. Die Bilder sind unverändert. Ihm fallen die Worte seines Professors wieder ein: „Ein Foto kann niemals die absolute Wirklichkeit wiedergeben, sondern ist nur die Illusion seines Betrachters.“ Das Bild der Aufschrift auf der Garagentür kommt ihm in den Sinn: „Max Müller“ Mittlerweile glaubt er nicht mehr daran, dass dies ein purer Zufall ist. Er beschließt wieder zur Garage zu gehen. Als er vor der Tür steht entscheidet er einfach einzutreten, immerhin steht sein Name auf der Tür. Vorsichtig wagt Max sich weiter nach vorne. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen zeichnet sich vor ihm schemenhaft der runde Tisch ab. Umsichtig geht er vorwärts. Am Tisch angekommen setzt er sich und starrt in die Dunkelheit. Nichts regt sich, kein Laut ist zu hören. Max blickt Richtung Tür, als seine Blicke sie wahrnehmen, fällt sie langsam zu. Das macht ihm aber keine Angst. Alles fühlt sich sehr vertraut an. Als er seinen Blick abwendet stellt er fest, dass er nicht alleine am Tisch sitzt. Bei ihm sind die schwarzen Männer, er sieht an sich herunter und bemerkt, dass er die Kalaschnikow in der Hand hält, auf Anschlag, allzeit bereit. Er nimmt einen Schatten an der Tür wahr, steht auf und geht in Richtung dieser. Als er durch den Spalt zwischen Tür und Garagentor blickt sieht er jemanden wegrennen. Er öffnet die Tür und findet seine Kamera. Vorsichtig legt er die Waffe zur Seite und schießt ein paar Fotos von seinem Küchenfenster, hinter dem er eine schemenhafte Figur entdeckt. Er lässt die Kamera fallen und rennt zu seiner Wohnung. Die Tür ist verschlossen, er kramt in seiner Hosentasche und zieht einen Schlüssel hervor. Zittrig versucht er ihn ins Loch zu bringen. Aber er öffnet nicht. Noch während er es weiter versucht, sieht er das Namensschild an der Haustür: „Milan Ullmeier“. Erschrocken lässt er den Schlüssel fallen und rennt davon. Noch während er das Haus verlässt fällt ihm auf, dass er nun absolut keine Ahnung hat wohin er gehen soll. Als ihm in den Sinn kommt, dass da ja noch ein Ort existiert, an dem sein Name an der Tür steht - hoffentlich. Auf dem Weg zur Garage hört er die Uhr der nahegelegenen Kirche 00:00 Uhr läuten. Er zuckt zurück als er die drei schwarzgekleideten Männer dort stehen sieht. Er erstarrt an Ort und Stelle. Als er es gerade wieder wagen will, sich zu bewegen, schreckt er abermals zurück, als ein schwarzer Wagen um die Ecke biegt. Immer das gleiche Modell, mit verdunkelten Scheiben. Ein Mann steigt aus. Er hat eine Kalaschnikow in der Hand. Bewacht von den drei Männern geht er in die Garage. Max wagt sich nun nach vorne, er weiß ja was kommt. Zielstrebig geht er auf die Tür zu, starrt durch den Spalt zwischen Garagentor und Eingangstür und sieht wie erwartet die vier Männer am Tisch sitzen. Der Mann aus dem Auto hält die Waffe in der Hand, auf Anschlag, allzeit bereit. Er steht auf, geht Richtung Tür. Doch diesmal läuft Max nicht davon. Felsenfest bohren sich seine Zehen in seinen Schuhen in den Betonboden. Nichts auf der Welt könnte ihn hier wegbringen. Er hat keine Angst, er ist wütend. Der Mann legt die Waffe zur Seite, öffnet die Tür und starrt Max an. Entschlossenen Blickes betrachtet Max den Mann. Beide zwinkern nicht, sehen nicht weg, sagen kein Wort, bewegen sich nicht. Minutenlang stehen sie so da. Ohne jegliche Regung. Als der Mann plötzlich zu Maxs Erstaunen anfängt zu sprechen: „Hallo Max, mein Name ist Milan. Aber du kennst mich ja.“ „Ja, wir kennen uns“, antwortet Max. Milan kramt in seiner Hosentasche, er zieht einen Schlüssel heraus und drückt ihn Max in die Hand. Max greift zu, fest umschließt er ihn. Milan dreht sich um und geht zurück zu den Männern am Tisch. „Mach bitte die Tür zu, wenn du gehst!“ Max dreht sich langsam um, beim Weggehen zieht er die Tür hinter sich zu. Auf dem Weg zu seiner Wohnung öffnet er seine Hand, um mit dem Schlüssel die Tür aufzusperren. Dabei fällt ein Zettel heraus. Max greift nach ihm und liest die Worte: „Besser du weißt von nichts!“ Max zerknüllt den Zettel, wirft ihn auf den Boden, geht in seine Wohnung und legt sich in sein Bett. Als er gerade am Einschlafen ist, fallen ihm die Worte seines Professors wieder ein: „Ein Foto kann niemals die absolute Wirklichkeit wiedergeben, sondern ist nur die Illusion seines Betrachters.“






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Mi

09

Jul

2014

(M)ein Abend mit Udo

 

 

Stechende grüne Augen, sie starren mich an, ich starre zurück, den Blick zu lösen erscheint unmöglich. Gefangen bin ich in einem grünen Strudel, welcher mich tief eintauchen lässt in all das was dieser Mensch mit diesen Augen schon gesehen hat. Diese Welt entsteht vor mir - die Zeit in Köln mit Rainer Werner Fassbinder, das gemeinsame Arbeiten mit Andy Warhol und die Abgründe von Lars von Trier. All das wird lebendig, mit einem Blick in Udo Kiers Augen.

 

Als Udo, wie ich ihn ab jetzt nur noch liebevoll nennen werde, die Bühne des kleines Saales am Montagabend auf dem Filmfest in München betritt, bleibt mir kurz das Herz stehen. Der Raum ist halb leer, erstaunlich wenig Leute haben sich eingefunden, um einen Blick auf den Weltstar zu werfen. Doch Udo füllt diese Leere nur mit seiner Anwesenheit mehr als aus.

 

Neben mir sitzt eine Jungschauspielerin, irgendwie kommt sie mir auch bekannt vor, aber einordnen kann ich sie nicht, tummeln sich doch zu viele Solche auf dem Filmfest. Sie ist nett, am Anfang fragte sie mich, ob ich ihr kurz einen Platz freihalten kann, also scheint sie noch nicht allzu weit auf der Karriereleiter nach oben geklettert zu sein - kommt mir in den Sinn. Später relativiert sich das, da Udo auch überaus nett und „normal“ ist. Woher ich weiß, dass sie Schauspielerin ist? Naja, sowas posaunen sie meistens sehr schnell heraus. Sie unterhält sich mit einem jungen Kerl hinter mir, den sie offensichtlich schon von den letzten Tagen kennt. Auf mehreren Veranstaltungen haben sie sich getroffen. Er macht irgendwas mit Film und hat einen Oscar für den besten Animationsfilm bekommen. Ich merke wie mir ein fettes „WOW“ über die Lippen poltern will, aber ich unterdrücke es gerade noch.

 

Da sitze ich nun, in der dritten Reihe mittig, in einem halbvollen Saal, der gerade mal circa 300 Leute fasst, neben mir eine Schauspielerin, hinter mir ein Oscarpreisträger und vor mir Udo. Reichlich unspektakulär ist er auf die Bühne gestolpert, keine großen Ankündigungen, keine mitreißende Musik, kein Boxkampfeinlauf. Lediglich eine kurze Ansage eines Filmfestmitarbeiters, der Udo seit Tagen von einer Veranstaltung zur nächsten jagt, wie Udo gleich beginnt zu erzählen. Deswegen kommt im die intime Runde hier ganz gelegen, endlich mal nicht eine blöde Fotopose nach der anderen, keine dämlichen Fragen von Journalisten. In diesem Moment kommt mir unweigerlich ein fettes Grinsen über die Lippen, da um mich herum gefühlte 300 Kameras gezückt werden und der Filmfestmitarbeiter mit Schnupfen die erste dämliche Frage stellt.

 

Udo bekommt heute Abend auf einer feierlichen Gala den Ehrenpreis des Filmfests, den CineMerit-Award. Sein erster deutscher Preis, den er wie üblich ins Badezimmer stellen wird. Das erscheint ihm ein guter Platz, denn jeder muss schließlich im Laufe eines Abends irgendwann einmal aufs Klo, und da stehen sie dann die unzähligen Auszeichnungen. Wie oft schon kamen die Gäste zurück und meinten: „Udo, DEN hast du auch gewonnen und DEN auch … ich wusste ja nicht … DEN auch …!“ Er erzählt davon, dass er sich ehrlich über den Preis freue, denn es sei doch etwas Tolles einen Preis zu bekommen. Das meinte ich mit dämlicher Frage des Schnupfenmitarbeiters, denn was soll man denn antworten, wenn man gefragt wird, ob man sich über einen Preis freut? „Nein, bitte geben sie mir keinen Preis, das habe ich nicht verdient, so schlecht wie ich bin …“ Dazu würde sich allenfalls Lars von Trier hinreißen lassen, gekonnt gekoppelt mit einem Hitlergruß. - Wir erheben die Menschen die Gutes sagen und Falsches meinen und strafen die die Falsches sagen und Gutes meinen – so ähnlich lautet der Satz in Nymph()maniac, sinngemäß zumindest, mit dem sich von Trier einen kleinen Seitenhieb nicht nehmen ließ.

 

Und wir wahr doch dieser Satz ist, wird auch heute Abend mehr als deutlich. Es folgen viele geschwollene Fragen von Presse und Publikum. Die beste Frage kommt zum Schluss, zumindest die ehrlichste. Wie gesagt: zum Schluss.

 

Denn erst erzählt er noch ein bisschen aus seinem Leben, glücklicherweise nicht den üblichen Blabla, den man eh auf Wikipedia nachlesen kann, sondern tatsächlich spannende Geschichten. Den Rainer kannte er schon aus der Eckkneipe in Köln, als er später so berühmt wurde und auf mehreren Zeitungen auf dem Titel zu sehen war, dachte sich der Udo: „Fassbinder? Das ist doch der Rainer!“ Später wohnten die beiden sogar zusammen in Schwabing, wo sonst. Aber fast wäre es gar nicht so weit gekommen, ja in der Tat wäre es mir nicht möglich gewesen in die grünen Augen zu starren und all das lebendig vor mir zu sehen, hätte nicht Udos Mutter allgegenwärtig gehandelt.

 

Udo ist im Krieg geboren - als er diese Geschichte erzählt, streckt er seinen Arm nach vorne, das Hemd hochgeschoben und zeigt uns seine Gänsehaut. In der dritten Reihe kann ich das zwar nicht mehr wirklich erkennen, aber die Ahs und Ohs aus der ersten, deuten darauf hin, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Gänsehautentzündung handelt (danke Mehment für dieses Wort!). Der kleine Udo wird also in diese kriegsgebeutelte Welt geworfen, gerade mal da und schon auch wieder weg. In dem Moment als ihn seine Mutter in den Armen hält, stürzt eine Mauer im Krankenhaus ein, begräbt alle anderen Babys und die Krankenschwester die sich noch schützend über sie wirft: „Alle tot“. Udos Mutter drückt ihn fest an sich, und dann Dunkelheit. In der einen Hand hält sie ihn, mit der anderen gräbt sie ein Loch und die beiden werden gerettet. Wenn das mal nicht nach einem Stoff für den nächsten Film klingt, was dann?

 

Aber da hatte Udo andere Pläne, ja der Udo hat sich auch mal als Regisseur versucht. Bis er kein Geld mehr hatte, um den Film fertigzustellen. Sehr schade, denn die Story ist vielversprechend: ein Transvestit der im Rollstuhl sitzt und mit Telefonsex sein Geld verdient! Gescheitert ist das Projekt letztendlich daran, dass Udo alles allein gemacht hat: „Schauspielern, Licht, Kamera, Regie, Essen für die Crew … und das alles im Rollstuhl!“

 

Kaum zu glauben, nach diesem Start ins Leben, aber der Udo, das ist schon ein Glückskind. Leicht hat er´s nicht gehabt am Anfang, aber dann wurde er in London entdeckt und eins kam zum anderen. Holterdiepolter. Man mag es ja nicht so recht glauben, welches unverschämte Glück manche Leute haben. Ich sinke ein wenig in meinen Sitz, neben der Schauspielerin, dem Oscarpreisträger hinter mir und Udo vor mir.

 

Pinkeln muss ich auch so dringend, ich schlage mein linkes Bein über das rechte und setzte mich wieder aufrecht hin. Udo erzählt gerade davon, dass zum Glück auch ein gewisses Auftreten gehört. Sein Aussehen war ihm sicher eine Hilfe, aber noch viel mehr seine selbstbewusste Verkörperung dessen. „Absolut!“, denke ich immer noch im Bann dieser Augen. Die Blase drückt, aber unmöglich sich aus seinem Blick zu lösen. Ich habe das Gefühl sofort zu Stein zu erstarren, wenn ich mich abwende, dann hätte sich das Pinkeln eh erledigt. Ich merke wie die Schauspielerin neben mir mich ständig mustert. Ein wohliges Gefühl kommt in mir hoch: „Die denkt sicher auch ich bin jemand Bekanntes“, wahrscheinlich merkt sie nur, dass ich pinkeln muss.

 

Udo nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, ich empathisch aus meiner Wasserflasche. „Verdammt!“ Mittlerweile sind wir hoch philosophisch unterwegs: „Alles ist Kunst“, Beuys. Diesen ausgelutschten Satz bemühen hier tatsächlich noch hochintellektuelle, aufgeklärte Individuen und versuchen sich dessen Deutung, mithilfe von Udo wird das schon laufen. Am liebsten möchte ich aufspringen und laut heraus schreien: „Ihr Trottel, ALLES IST KUNST!“ Ich ärgere mich über meinen Ärger, Udo nimmt´s gelassen, beantwortet die Frage aber genauso wie ich, nur das Trottel lässt er weg. Ich will gerade einen Hacken setzen, als der eifrige Frager neu ansetzt: „Wenn alles Kunst ist, was ist dann nicht Kunst?“ Schneller als ich denken kann, klatscht meine Hand aufs Hirn. Udo sieht so aus, als wolle er genauso reagieren. Die Schauspielerin starrt mich an, verlegen kratze ich mich am Kopf.

 

Nach diesem hochanspruchsvollen Exkurs, den Udo mit „wenn ich in die Ecke scheiße und eine rote Linie darum ziehe, ist das Kunst“ beendet hat, geht´s endlich weiter im Text. Schnupfi kann es nämlich nicht erwarten endlich auf von Trier zu sprechen zu kommen. Die Rolle des Kellners in Nymph()maniac hat sich Udo selbst ausgesucht. „Ich wusste ja wirklich nicht wo die Löffel sind, das macht mein Schauspiel so authentisch.“ Und wie wir wissen verlangt von Trier von seinen Schauspielerin immer genau das Gegenteil wofür sie bezahlt werden: „Don´t act!“ Schon paradox oder?

 

Über von Trier lässt Udo nicht so viel raus, nur dass er der Patenonkel von Lars´ ältester Tochter ist. Ob es schon ein neues Drehbuch für einen Von-Trier-Film gibt will die Dame rechts außen wissen: „Ich weiß von nichts, aber wenn dann schickt er es mir und ich such mir eine Rolle aus.“ Die Patentochter ist bald zu Besuch bei Udo in LA, die wird da schon was rauslassen.

 

Der Rotzhochzieher rutscht schon seit einiger Zeit nervös auf seinem Stuhl hin und her, bis er sich endlich durchringen kann Udo zu unterbrechen und ihn auf den neuen Dokumentarfilm über ihn anzusprechen, der gleich im Anschluss an die Verleihung gezeigt wird: Arteholic. Udo plaudert darin über Kunst, an Orten an denen es Kunst gibt, mit von Trier liest er allerdings nur Zeitung. „Udo, ich spreche gerade nicht“, hatte von Trier ihm mitgeteilt, als Udo anfragte für eine Szene mit ihm in diesem Film. Ich frage mich: „Wie hat er dir das mitgeteilt, wenn er gerade nicht spricht …“ Das wäre doch jetzt mal eine gute Frage! Zu spät!

 

Schniefi wird immer nervöser und würgt die nächsten Fragen ab: „Das ist jetzt die letzte Frage!“ Zwei Hände sind in der Luft. Udo beschwichtigt und sagt er bleibt gern noch länger hier, als sich in der Filmfestlounge auszuruhen (als ob der Ruhe bräuchte). „Nein, letzte Frage!“ Die beiden Körper an denen die Hände in der Luft hängen plustern sich auf, beide Münder an den Köpfen, die an den Körpern an den Händen in der Luft hängen brabbeln los. Einer ist schließlich lauter, die Frage war allerdings so belanglos, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann und mich auch jetzt noch wundere, warum man sich dafür so aufplustern musste. „Na gut, das war die letzte Frage und jetzt kommt die allerletzte Frage!“. Zum ersten Mal ist mir der Filmfestmitarbeiter sympathisch, weshalb ich ihn deswegen an dieser Stelle auch wieder den Filmfestmitarbeiter nenne.

 

Die Frage zum Schluss: „Hatten Sie eine Beziehung mit Fassbinder?“ Ok, es ist jetzt nicht die Wahnsinnsfrage, aber glaubt mir, besser als alle anderen! Udo trocken: „Die Dame kenne ich, die legt Fassbinder auch immer Blumen aufs Grab, aber auf die Frage eingehen werde ich nicht.“ Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Udo egal wann er wo war, eine hervorragende Zeit hatte.

 

Noch immer starre ich ihn an, zum ersten Mal an diesem Abend löse ich meinen Blick und senke den Kopf nach unten, um auf meine Armbanduhr zu schauen. Fast eineinhalb Stunden sind vergangen, Zeit ist relativ. Da merke ich, wie ich kurz zusammenzucke und dann in mich rein lachen muss, weil ich nicht zu Stein erstarrt bin. Pinkeln muss ich aber immer noch. Ich blicke wieder auf und treffe wieder diese Augen, die Worte des Filmfestmitarbeiters, der die Veranstaltung nun beendet, nehme ich nicht mehr so recht wahr. Noch einmal will ich durch diese Augen all das Erlebte von Udo sehen, bis der Vorhang fällt, in Form einer Menschenmasse, die sich auf ihn stürzt.

 

Ich stehe langsam auf, die Schauspielerin ist schon in der Masse vor Udo verschwunden, mit ihr der Oscarpreisträger, ich drehe mich um, um nach meiner Jacke an der Stuhllehne zu greifen, bemerke dabei, dass außer mir keiner mehr auf seinem Platz sitzt. Langsam nehme ich meine Sachen und gehe Richtung Ausgang, kurz vor dem Verlassen überlege ich, ob ich mich noch einmal umdrehen soll, um diese Augen zu sehen, dann aber lasse ich es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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